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Studienfahrt nach Prag

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„Prag lässt nicht los!“ Mit dieser Formulierung fasste schon Franz Kafka den Zauber und den Sog in Worte, den die alte Stadt an der Moldau auf seine Bewohner und Gäste ausübt. Und es dauerte wirklich nicht lange, bis unsere Reisegesellschaft, die sich im Juli zur Studienfahrt nach Prag aufgemacht hatte, vom Flair der Stadt eingenommen wurde. Gerade die Kirchen und Burgtürme der Altstadt und der Burg mit ihren kleinen Türmchen, Erkern und Spitzen lassen Prag wie eine Stadt aus einem märchenhaften, lang vergangenen Mittelalter erscheinen. Doch der Reihe nach:

Die erste Station der Studienfahrt bildete schließlich nicht Prag, sondern Krummau. Bei herrlichem Sonnenschein konnte unsere Gruppe - 39 Schülerinnen und Schüler, begleitet von Frau Kufner, Herrn Nebl und Herrn Wieland - die Krumauer Burg besichtigen. Sehenswert ist diese allemal, handelt es sich doch um eine der größten Burganlagen der Welt, die noch heute von der Macht und dem Einfluss ihrer einstigen Herren Zeugnis ablegt. Nach einer kurzweiligen Führung durch die Altstadt und einer Mittagspause im Brauereigasthof Eggenberg ging es weiter nach Prag und schon am Abend des ersten Tages spazierten wir durch die mittelalterlichen Gassen dieser Stadt, die im Heiligen Römischen Reich und später im Habsburgerreich der Sitz von Kaisern und Königen war und die auch heute noch den wirtschaftlichen und politischen Mittelpunkt der Tschechischen Republik darstellt.

Um den historischen Reichtum Prags ermessen zu können, führte uns der erste Besuchstag hinauf auf den Hradschin, den Burgberg über der Stadt. Wie schon bei einigen vorausgegangenen Studienfahrten konnten wir dafür Frau Dr. Placerova als Stadtführerin gewinnen. Mit viel Sachkenntnis und Gespür für unsere Interessen erklärte sie uns die einzelnen Bauphasen der Burg und des über allem thronenden St. Veit-Doms, zeigte uns das Goldene Gässchen mit seinen pittoresken Häuschen und erläuterte an markanten Punkten die Geschichte der Stadt. Für viele überraschend war dabei, dass Prag als Teil des deutschen Reiches seit dem Mittelalter von vielen Deutschen bewohnt wurde, die eine große Gemeinde bildeten und zur Führungsschicht der Stadt gehörten. Erst der aufkeimende Nationalismus des 19. Jahrhunderts und später die Verwerfungen des 2. Weltkrieges führten dazu, dass mit Kriegsende die Deutschen Prag und Tschechien verlassen mussten.

Besonderes Interesse schenkten wir auch dem Fenster, aus dem 1618 die kaiserlichen Gesandten gestürzt wurden, nachdem sie nicht willens waren, den protestantischen Böhmen die geforderten Rechte einzugestehen. Leider war dieser Vorfall, der zum Ausgangspunkt des Dreißigjährigen Krieges werden sollte, nicht der einzige Prager Fenstersturz. Insgesamt dreimal entledigte man sich in Prag nach politischen Zwistigkeiten auf diese Weise kurzerhand der jeweiligen Kontrahenten, was Frau Dr. Placerova zur Feststellung veranlasste, dass es in Prag ratsam sei, heftigen Streit lieber in Kellerräumen auszutragen…

Geschichtsträchtig ging es auch am Nachmittag weiter: Frau Dr. Placerova führte uns in die Josefsstadt, wo sich einst das jüdische Ghetto befand. Nachdem im Mittelalter die Prager Herrscher (meist) sehr tolerant den Juden gegenüber agierten, siedelte sich dort neben den Deutschen eine große jüdische Gemeinde an, die ein blühendes kulturelles Leben entwickelte und auch in Kunst und Wissenschaft ihre Spuren hinterließ. Mehrere Synagogen zeugen noch heute von diesem für die Juden „goldenen Zeitalter“. Leider aber waren die Juden immer wieder antisemitischen Umtrieben ausgesetzt und als die Nationalsozialisten die Stadt besetzten, wurde dieser alten und ehrwürdigen Kultur ein jähes, ja grausames Ende gesetzt. Gerade die Ausstellungen in der Spanischen Synagoge und in der Altneu-Synagoge zeigten uns auf erschreckende Weise, welche Leiden den Menschen von den Deutschen während der NS-Zeit angetan wurden.

Frau Dr. Placerova zeigte uns aber nicht nur das jüdische Viertel, sondern führte uns am Dienstagvormittag vom Pulverturm aus durch die Altstadt zur Teynkirche und weiter über den Altstädter Ring. Selbstverständlich hörten wir dabei die Astronomische Uhr aus dem Jahr 1410 schlagen, blickten auf die 1348 gegründete Karls-Universität - die älteste Universität nördlich der Alpen -, lernten verschiedene Baustile von der Gotik bis zum Kubismus kennen und schritten schließlich über die 516 Meter lange Karlsbrücke, deren Grundstein auf Anraten von Astronomen 1357, am 07.09., genau um 5.31 Uhr gelegt wurde. Die am Brückenkopf angebrachte Zahlenfolge 1-3-5-7-9-7-5-3-1 weist noch heute auf dieses offensichtlich glücksbringende Datum hin: Trotz aller Beschädigungen überdauerte die Brücke die Jahrhunderte und ist heute ein wahrer Touristenmagnet.

Der Nachmittag schließlich war der Literatur gewidmet: Wir wanderten auf den Stufen Franz Kafkas durch die Prager Altstadt, besuchten das neue Kafka-Museum und hörten dabei etliche kürzere Texte aus dem Werk dieses schwer fassbaren Dichters. Anhand von Ausschnitten aus seinem Lebenslauf und einem Blick auf die zeitgeschichtlichen Hintergründe zeigte sich dabei, wie sensibel Kafka in seiner Dichtung auf die Veränderungen und Umbrüche der Zeit um 1900 reagierte und diese literarisch verarbeitete.

Ein düsteres Kapitel der deutsch-tschechischen Geschichte stand am Mittwoch mit einem Besuch des nahen Theresienstadt auf dem Programm. Die unter Kaiser Joseph II. Ende des 18. Jahrhunderts errichtete Garnisonsstadt und das benachbarte Gefängnis nutzten die Nationalsozialisten als Ghetto und Konzentrationslager für Juden und politische Häftlinge. Sehr eindrücklich wurde uns hier vor Augen geführt, wie menschenverachtend, brutal und zynisch das NS-Regime vorging - 33 000 Menschen, so die Schätzungen, kamen hier ums Leben.

Die Stimmung auf der anschließenden abendlichen Bootsfahrt auf der Moldau war denn auch eher ruhig und nachdenklich. Ganz anders als die beiden vorhergehenden Abende, an denen wir bei Jazzmusik und einer Vorstellung im Schwarzlichttheater das Prager Nachtleben genossen.

Schneller als gedacht, neigte sich so unsere Studienfahrt dem Ende zu. Zum Abschluss bestiegen wir am Donnerstagvormittag noch den „Eiffelturm“ auf dem Laurenziberg. Dieser 1891 errichtete Turm, ein maßstabsgerechter Nachbau des Pariser Vorbildes, gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt und ermöglicht einen Blick weit in die böhmischen Lande hinein. Von dort oben konnten wir noch einmal die gewonnenen Eindrücke Revue passieren lassen, bevor uns der Bus zügig und sicher wieder ins schöne Vilshofen zurückbrachte. Wie einst Franz Kafka, so wird auch uns Prag wohl nicht mehr loslassen - und sicherlich wird der ein oder andere schon bald wieder in die goldene Stadt an der Moldau zurückkehren.

 

StD Dr. Konrad Wieland 

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