Naturwissenschaftlich-technologisches und Sprachliches Gymnasium  

Der lange Weg zur Freiheit

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Autor Matthias Lisse weckt am Gymnasium Vilshofen die Erinnerung an den Mauerfall.

An einem ganz besonderen und authentischen Geschichtserleben konnten die Schülerinnen und Schüler der Q11 und Q12 des Gymnasiums Vilshofen teilhaben: Im Erinnerungsjahr zum Mauerbau vor 60 Jahren und zum Erinnerungs-Tag des 9. Novembers bot Autor Matthias Lisse mit seiner Gattin Inga eindrucksvolle und bewegende Momentaufnahmen aus seinem früheren Leben in der DDR, die er in seinem Roman „Die geteilten Jahre“ niedergeschrieben hat. Den Schülerinnen und Schülern in Vilshofen brachte er diese Eindrücke in einer Autorenlesung nahe.

Nichts würde auch nur den Anschein erwecken, wie beschwerlich die Jahre, Monate, Tage und Stunden waren, in denen Inga und Matthias Lisse, die heute in der Oberpfalz bei Cham leben, für ihre Freiheit gekämpft haben. Doch der Weg zur Freiheit war lang, beschwerlich und abenteuerlich. Wenn Matthias Lisse heute von den Ereignissen erzählt, die nun dreißig Jahre zurückliegen, dann spürt man jedoch immer noch, wie groß damals die Sehnsucht nach der Freiheit und nach dem Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben war, die seine Familie – wie so viele tausend andere – veranlasst hatte, einen Weg zu finden, aus der damaligen Deutschen Demokratischen Republik zu fliehen.

Um diese Geschichte, die Erlebnisse aus seinem Leben, aber besonders auch den hohen Stellenwert der Freiheit den jungen Menschen und vor allem den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, war Lisse zur Autorenlesung ans Gymnasium Vilshofen eingeladen.

Anlass hierfür war zum einen das Erinnerungsjahr zum Mauerbau vor 60 Jahren, wie auch der Erinnerungstag des 9. November, dessen Bedeutung für die deutsche Geschichte nicht genug betont und vertieft werden kann. Stellvertretend für so viele andere damalige DDR-Bürger blickte Matthias Lisse vor Schülerinnen und Schülern aus der Q11 und Q12 auf seinen ganz eigenen, individuellen Weg zur Freiheit zurück, der für seine Familie so abenteuerlich, gefährlich, bewegt und zum Teil auch nicht fassbar war. Auch über dreißig Jahre später waren dem Autor die Erlebnisse emotional ins Gesicht geschrieben, als er aus den einzelnen Kapiteln zur DDR-Geschichte, besonders aber zu den Fluchtversuchen und zur letztendlich erfolgreichen Episode aus dem Jahr 1989 vorlas. „Wie in einem James-Bond-Film war die Episode einer Verfolgungsjagd, die Zum Glück gut ausgegangen ist“, so der Autor zu einem ausgewählten Kapitel. Matthias Lisse ließ einige Details zum literarischen Betrieb, zum Verlagswesen und auch zu ganz persönlichen Hintergründen aus seinem Schriftstellerleben durchblicken. Gleichzeitig verriet er auch ein kleines Geheimnis: „Den Roman ‚Die geteilten Jahre‘ wollte ich eigentlich nie schreiben“, so Lisse, den Ausschlag hätten das Drängen des Verlags und vor allem das Drängen seiner Frau gegeben, die einfach keine Ruhe mehr gegeben hätten. „Über derart persönliche Lebenserfahrungen zu schreiben, das ist nicht einfach, selbst nach über dreißig Jahren nicht, aber letzten Endes bedeutet das zum einen auch eine ganz persönliche Aufarbeitung des Themas, zum anderen möchte ich den jungen Leuten einfach eine Botschaft mit auf ihren Lebensweg geben.“  Unter all den anderen Büchern, die Lisse bereits zu historischen Themen herausgebracht hatte, seien „Die geteilten Jahre“ aber am schwersten zu recherchieren gewesen. „Jedes Detail muss stimmen, jede Stimmung, jede Lokalität muss dem historischen Kontext exakt entsprechen!“ Aufarbeiten, anhand von Fotos und Filmausschnitten dokumentieren und kommentieren konnte der Autor zunächst auch noch die Geschehnisse des Gedenkens vor zwei Jahren. Seine Frau und er waren von der Deutschen Botschaft in Prag zum „Fest der Freiheit“ eingeladen worden, um als Zeitzeugen von ihren Erlebnissen im Herbst 1989 zu erzählen. Bei dieser Gelegenheit konnten beide auch Gespräche mit dem damaligen Kanzleramtschef Seiters führen oder an einem Kamingespräch mit Bundesaußenminister Maas teilnehmen. Zu diesem illustren Kreis kamen der aktuell amtierende deutsche Botschafter in Prag, Historiker, Vertreter von Hilfsorganisationen, der Ministerpräsident Sachsens und viele mehr dazu.

Bewegend, spannend, aber auch ganz still und unter die Haut gehend zugleich wurde es im Atrium des Gymnasiums, als Lisse den Schülerinnen und Schülern die Erlebnisse und Ereignisse von den Tagen in Prag schilderte, die zum Moment deutscher Geschichte gewordene Rede Genschers auf dem Balkon der Prager Botschaft einband oder auch – sichtlich gerührt – das Schicksal seiner Frau und seiner Tochter aufgriff, jeweils in den Roman integriert und auf den realen Begebenheiten basierend. Die damals mehreren Tausend Gestrandeten in der Deutschen Botschaft fanden ebenso Eingang in den Roman wie private Gespräche innerhalb der DDR-Führung, die als fiktiver Teil den Rahmen für die erzählte Zeit zwischen dem Mauerbau und dem Tag der Deutschen Einheit im Jahr 1990 bilden. Zwischen den Lesepassagen waren ausreichend Raum und Zeit, um Episoden nochmals mit persönlichen Details anzureichern, die sich um die Flucht, aber besonders um die damalige Politik und die Lebensverhältnisse in der DDR drehten. Kindheit, Jugend und beruflichen Werdegang band Lisse zu diesen Aspekten in die Antworten ein und zeichnete so ein aussagekräftiges, aber auch nachdenklich stimmendes Bild aus einer noch nicht allzu lange vergangenen Zeit. Gleichermaßen bot das Thema Anlass zur Diskussion aktueller politischer Entwicklungen, insbesondere zu den immer stärker feststellbaren politischen Randgruppen, die die Demokratie bedrohten.

„Das Wichtigste aber“, was ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte“, so Matthias Lisse zum Schluss seiner Lesung, „ist aus der ganz persönlichen Erfahrung heraus die Erkenntnis, mit nur zwei Dingen Vieles im Leben bewegen zu können: mit Wissen und Willen.“

Mit diesem Motto endete eine gelungene Erinnerung an eine Momentaufnahme in der deutschen Geschichte, die eindringlicher nicht hätte sein können und gerade angesichts des nahenden Jubiläums Vieles in Erinnerung rief oder neu ins Bewusstsein rückte, was Demokratie, Verantwortung und Freiheit ausmacht.

von StR Dr. Stefan Hundsrucker

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