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Interview mit dem Marathon-Mann: Wie Profi-Sportler Philipp Pflieger seine Ziele verwirklicht

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Wenn sich im Fernsehen Langstrecken-Läufer mühevoll aneinander vorbeischieben, um der Ziellinie näher zu kommen, wenn sie auf den letzten Metern alles aus sich herausholen und vollkommen fokussiert sind oder wenn sie eine Marathon-Distanz in einer Zeit bewältigen, die wir locker für zehn Kilometer benötigen würden - Gehpausen eingeschlossen - dann fragt man sich schon oft bewundernd, was das eigentlich für Menschen sind. Was treibt sie an, wie trainieren sie eigentlich und wie sieht das mit der Disziplin und den ganz großen Zielen aus? Diese und viele andere Fragen haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8c einem echten Profi gestellt, dem Marathonläufer Philipp Pflieger aus Regensburg. Frau Gradwohl und Frau Buser hatten den Kontakt zu ihm hergestellt, und so wurde der Deutschunterricht für eine gewisse Zeit zu einer Redaktionskonferenz. Herausgekommen sind tiefe Einblicke in die Seele eines Profisportlers, welche die Schülerinnen und Schüler in einem umfangreichen Artikel festhielten. Aber lesen Sie selbst:    

„Es war schon immer mein Kindheitstraum, eines Tages bei den olympischen Spielen  teilzunehmen.” Genau diesen Traum erfüllte sich Philipp Pflieger, als der damals 29-Jährige an den olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro in der Disziplin Marathon teilnahm. Schon als Kind war er fasziniert vom Laufen und so machte er 2010 nach einem Studium sein Hobby zum Beruf. Doch um in der Weltspitze mithalten zu können, muss man sehr hart trainieren. Daher absolviert der in Regensburg lebende Schwabe täglich zwei Trainingseinheiten, darunter auch zweimal Krafttraining pro Woche, und läuft nach eigenen Angaben wöchentlich rund 200 Kilometer. Allerdings kann er wegen einer aktuellen Verletzung nicht so viel trainieren, wie er gerne wollte. Auch das Höhentrainingslager in Kenia, das zum jetzigen Zeit­punkt stattfinden sollte, musste er deshalb absagen. Über seine Ernährung sagt Pflieger, dass er nicht wirklich wie andere Profisportler darauf achte, was er isst, aber insgesamt ernähre er sich überwiegend gesund. Schmunzelnd erklärt er dabei, dass es kaum einen Profiläufer gebe, der zu viele Kohlenhydrate zu sich nehmen könne. Deshalb isst der 33-Jährige auch gern mal eine Tafel Schokolade. Um ein Leben als Profisportler überhaupt finanzieren zu können, ist Philipp auf seine Sponsoren wie beispielsweise Adidas angewiesen. Letztes Jahr hat er keinen Cent durch Preisgelder bei Marathonrennen verdienen können, da diese aufgrund der Corona-Pandemie zum größten Teil ausgefallen sind. Trotzdem hat er laufende Kosten, die bezahlt werden müssen. Das gilt auch für einen bevorstehenden Arztbesuch: „Mit einer AOK-Karte kommt man als Profisportler nicht weit.”

Dabei sein ist alles: Olympia 2016

Während des Interviews erzählt Pflieger mit leuchtenden Augen von seinem bisher einschneidendsten Erlebnis seiner Karriere, den olympischen Spielen in Rio. Er lacht viel und man merkt ihm an, wie glücklich er ist, die olympischen Spiele bereits erlebt zu haben: Ab und zu spricht er schneller, gestikuliert ein wenig oder seine Stimme hebt sich und es scheint, als wisse er stets genau, was er sagen will. Philipp Pflieger kam drei Tage vor Beginn der olympischen Spiele früh morgens in Rio an, obwohl er aufgrund des ungewohnten Klimas lieber schon zwei Wochen vorher angereist wäre. Da der Marathon der Männer traditionell als letztes Rennen stattfindet, kann Pflieger nicht allzu viel über den direkten Ablauf der Spiele erzählen. Neben den weiteren deutschen Startern kannte Pflieger bereits zwei weitere Marathonläufer, die aus Belgien kommen und mit denen er sich gemeinsam beim Marathon in Berlin für Olympia qualifiziert hatte. Zum Stress in Rio meint er, dass er den Druck nicht wirklich wahrgenommen habe. „So richtig realisiert habe ich das erst am Wettkampfmorgen […]”, erklärt Philip Pflieger im Interview. Das Marathonlaufen sei mehr ein Rennen gegen sich selbst als gegen Konkurrenten.

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Der "laufende Kampf" gegen Corona

Ein falsch positiver Corona-Test hat nicht nur die Anreise des Marathon-Asses zum Rennen in Valencia Anfang Dezember letzten Jahres beeinträchtigt, sondern auch Pfliegers Trainings-alltag. Wegen der aktuellen Corona-Lage ist das Training für den Marathonläufer nicht so auszuführen wie üblich. Fitnessstudios haben geschlossen und im Winter sind die Wetterbedingungen allgemein schlecht. Die Virusepidemie war unter anderem ein Grund für ihn, in Erwägung zu ziehen, einen anderen Weg einzuschlagen und seine Karriere zu beenden. Obwohl Pflieger letztes Jahr durch Marathonläufe keinen Cent einnehmen konnte, kommt er durch seinen Podcast „Bestzeit“ und sein Buch „Laufen am Limit“, das 2019 erschien, gut über die Runden. Trotzdem war und ist er unter diesen Umständen wie viele andere Marathon­läufer auch stark auf die Einnahmen durch seine Sponsoren und Werbeverträge angewiesen. Anschließend erläutert er, dass das, was er dennoch verdiene, nicht automatisch ihm gehöre, denn für die Kosten wie Trainingslager, Reisen oder auch Ärzte müsse er selbst auf­kommen. „Nur Bares ist Wahres, auch im Profisport“, merkt er in diesem Zusammenhang ironisch an. In der derzeitigen Situation ist unter anderem ungewiss, wann und ob die Olympischen Spiele in Tokio wie geplant vom 24. Juli bis 9. August 2021 stattfinden können. Philipp scheint bei diesem Thema eher skeptisch und pessimistisch gestimmt zu sein, was auch durch seinen etwas ernsteren Blick deutlich wurde. Diese Einstellung wird außerdem durch die wenigen Qualifikationsmöglichkeiten, die den Läufern aufgrund des Virus geboten werden können, hervorgerufen. Pflieger bedauert diese Situation vor allem für diejenigen, deren erste Chance es gewesen wäre, an den olympischen Spielen teilzunehmen. „Für Sportler, für die es das erste Mal in ihrem Leben ist, dass sie diese Gelegenheit haben, zerbrechen logischerweise auch gewisse Lebensträume.” Natürlich wünscht Philipp es sich auch selbst, wieder an Olympia teilnehmen zu können, doch immerhin hatte er bereits das Glück, das berühmteste Sport-Event schon einmal erleben zu dürfen. 

Rückschläge und Herausforderungen

Dass der Weg zu den olympischen Spielen nicht immer reibungslos abgelaufen sei, erklärt Philipp, als er über seine bisher schwersten Rückschläge berichtet. Dabei betont er, dass er innerlichen Schmerz immer weit mehr als körperlichen Schmerz empfindet. „Auch krasse Sportler sind Menschen”, lächelt er. Ihm hilft es, sich auf positive Energien zu konzentrieren und sich mit optimistischen Menschen zu umgeben. Doch auch depressive Phasen erfassen ihn in seiner Zeit als Verletzter. „Verletzungen dauern, der Prozess ist oft schwer und belastet einen sehr“, meint Philipp. Sein selbstbewusster Gesichtsausdruck verrät, dass er sich auch von negativen Meinungen und Beschlüssen der Ärzte nicht unterkriegen lässt. Es gab aber auch schwierige Zeiten - zum Beispiel, als er einsehen musste, dass „ein Teil seines Lebens nicht mehr in seiner Hand liegt und es einem entgleitet.“ Er erzählt, es hätte ihm früher keine Angst gemacht, bei einer Verletzung eine Pause einzulegen. Doch als eine entscheidende Operation immer näher rückte, spürte er das erste Mal in seiner Karriere ein Gefühl der Hilflosigkeit. Er erzählt: „Es ist echt crazy, zu begreifen und zu akzeptieren, dass ein großer Teil meines Lebens schon mit 23 enden hätte können.“ Es war aber nicht seine einzige Befürchtung zu wissen, es gebe vielleicht keine zweite Chance mehr. Nach einem Kollaps knapp vor dem Ziel beim Berlin-Marathon 2017 überlegte er ernsthaft, mit dem professionellen Sport aufzuhören. Dennoch verlässt er sich bei Rückschlägen vor allem auf sein Gefühl: „Wenn mein Gefühl mir sagt, das kann es jetzt noch nicht gewesen sein, da geht immer noch mehr“, so sagt er, finde er immer die Kraft, sich weiter durchzubeißen und hart zu trainieren. Sein Hauptantrieb neben sportlichen Ereignissen wie Olympia oder der Heimeuropameisterschaft nächstes Jahr sei sein Wille, sich selber verbessern zu wollen. Er versucht so, seinem Ziel von 2h10 in einem Marathon näher zu kommen. „Doch selbst wenn ich nur 1 bis 2 Minuten schneller laufen würde, wäre ich schon super happy“, ergänzt er. Angst hat er nur vor dem Tag, an dem er merkt, dass nicht noch mehr gehe. Denn wie auch für jeden anderen Leistungssportler rücke auch für ihn das „Verfallsdatum“ immer näher.

Geldfragen: "Es wäre schön, wenn ich dann mit dem Laufen schon ausgesorgt hätte" (...)

antwortet Pflieger grinsend auf die Frage, was er nach seiner Zeit als Profisportler machen wolle. Jedoch hat er sich noch nicht klar festgelegt, doch er fände es „cool“, andere Athleten bei ihrem Training zu begleiten. Außerdem ist er momentan auch schon im Marketingbereich tätig, wo er den Moderatoren Kai Pflaume kennenlernen durfte. Zudem könnte auch im Fern­sehen seine Zukunft liegen, da er diese Art von Beruf ebenfalls attraktiv findet. Aktuell macht er sich jedoch vor allem Gedanken, was man parallel zum Profisport noch aufbauen kann. Zu­sammen mit dem ARD- Sportjournalisten Ralf Scholt führt er momentan einen Podcast, der im Monat ca. 35.000 Downloads bzw. Streams hat. Im Herbst letzten Jahres hatte er auch mal das Thema „YouTube“ ausprobiert, welches er dieses Jahr noch weiter ausbauen will. Wie man meinen könnte, wenn man den Begriff „Profisportler” hört, habe man als ein solcher nicht viel Stress. Aber dies ist in Wirklichkeit ganz anders: morgens und abends eine Trainings­einheit, dazwischen ist Zeit für die Physiotherapie, zweimal in der Woche Krafttraining und diverse Ärzte. Doch seine Frau, die er erst kürzlich geheiratet hat, sieht den „verrückten” (wie Philipp es ausdrückt) Tagesablauf ganz locker. „Solange es dich glücklich macht, ist es in Ordnung für mich”, antwortet sie auf die Frage von Philipp wie lange er noch laufen sollte. Dazu meint er auch, dass er großes Glück habe, eine Frau an seiner Seite zu wissen, die so viel Verständnis für seinen Sport aufbringe. Manchmal wird er sogar auf der Straße erkannt, worüber er sich freut. Es sollte aber natürlich nicht überhandnehmen, denn er wolle noch in Ruhe zum Beispiel einkaufen gehen können. In Berlin wird er häufig erkannt, da er dort schon beim Marathon mitgelaufen ist - zum Beispiel, als er zwei Tage vor einem Wettkampf von einem wildfremden Autofahrer erkannt wurde, der ihm viel Glück wünschte.  Wenn ihn ein Fan anspricht, ob er ein Selfie machen wolle, sei er da vollkommen entspannt. „Wenn man jemandem mit so einer Kleinigkeit eine Freude machen kann”, so Pflieger, „das ist doch super”.  

 Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8c

 

 

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