Naturwissenschaftlich-technologisches und Sprachliches Gymnasium  

Pandemie: Kein Thriller, sondern schrecklich real - Ein Essay von Laura Sawilla, Q12

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"Wer liebt ihn nicht: den heiligen, ruhigen, wohlverdienten Freitagabend. Einfach mal zu Hause entspannen, sich um sich selbst kümmern, nicht an die Arbeit oder die Schule denken müssen - die ist schließlich noch ein ganzes Wochenende entfernt. Also nimmt man in Ruhe eine heiße Dusche, zieht einen gemütlichen Pullover an, wirft eine Pizza in den Backofen und streckt sich dann entspannt, vielleicht mit einem Glas Wein in der Hand, auf der weichen Couch aus. Doch wenn man diese Position eingenommen hat, stört bereits das erste Dilemma die Idylle. Was schaue ich denn eigentlich an? Es soll nicht zu lang sein, wenn man schon mal zu Hause ist am Freitag, sollte man auch früh schlafen gehen. Also fallen sowohl jegliche dreistündigen Blockbuster als auch die brandneue Netflix-Serie weg, weil man genau weiß, dass man sich sowieso wieder nicht davon loseisen kann, und nach dem Motto „Eine Folge noch“ wird es dann schnell mal drei Uhr. Ja, kennt man leider viel zu gut. Also weiterscrollen.
Nach etlichen weiteren Minuten des Suchens, in denen das Weinglas schon gut die Hälfte seines Inhalts verloren hat, stößt man schließlich auf diesen einen Sci-Fi-Thriller, den man eigentlich immer zu albern fand, der sich aber doch plötzlich sehr interessant anhört unter dem Druck, dass die Pizza endgültig kalt wird, wenn man noch länger sucht. Denn wie man weiß – man kann nicht anfangen zu essen, bevor man nicht den perfekten Film gefunden hat als Garnitur fürs Abendmahl. Gleich am Anfang bemerkt man, dass der Film vielleicht doch keine allzu gute Idee gewesen ist. Das Virus, um das sich der Thriller dreht, lässt das Essen etwas unappetitlich werden, aber – was soll’s. Ist ja nur Science-Fiction. Also verspeist man genüsslich weiter seine Salamipizza, während man sich zur Unterhaltung die Apokalypse und das Massensterben der Weltbevölkerung ansieht.

Natürlich denkt man in solchen Momenten nicht, dass so etwas wirklich passieren kann. Es scheint so unendlich weit weg, all diese Leute sterben auf dem Bildschirm in einer alternativen Welt und man selbst sitzt sorglos sicher auf seiner Couch. Aber ist das Ganze nicht vielleicht mittlerweile näher als man denkt?
Gut, ein Alien-Virus aus einer anderen Galaxie, das von einem Planeten stammt, der nur aus Plutonium besteht, ist vielleicht dann doch etwas weit hergeholt - wortwörtlich. Aber ich glaube, mittlerweile gibt es keinen Menschen mehr, der einen Internetzugang, einen funktionierenden Fernseher, ein Radio oder zumindest eine Tageszeitung der letzten Wochen besitzt und noch nichts von dem Corona-Virus gehört hat. Falls nun doch eines dieser seltenen Wesen vor diesem Artikel sitzt, dem das Corona-Virus absolut unbekannt ist, lasst es mich kurz zusammenfassen. Nein, das Virus ist kein witziger Trojaner, den ein 17-Jähriger in den USA entwickelt hat, um Pornowerbung auf der Google-Startseite anzeigen zu lassen. Das wäre zwar lustig, ist aber leider nicht der Fall. Stattdessen ist das Virus durchaus sehr ernst zu nehmen. Seine Symptome sind hauptsächlich trockener Husten und Fieber und das kann vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen oder durch Alter und Krankheiten geschwächtem Immunsystem sehr gefährlich werden.

Aber zurück zum Anfang. Was war eigentlich der Ursprung dieser Pandemie und warum konnte sie sich überhaupt so schnell verbreiten? Und was genau bedeutet das jetzt für uns? Jeder, der schon einmal Filme über ein bestimmtes Virus gesehen hat, kennt ungefähr deren Ablauf. Irgendwo entsteht ein neuartiges Virus, breitet sich immer weiter aus, die Zahlen der Infizierten und der Todesopfer steigen unaufhörlich, langsam macht sich Panik breit, man findet keinen Impfstoff, jeder ist sich selbst der Nächste und kämpft ums eigene Überleben, irgendwann fangen gewalttätige Auseinandersetzungen an, die letzten Verschonten schotten sich ab, apokalyptische Umstände herrschen, Massensterben, Bürgerkrieg, Zombies – aber stoppen wir hier vorerst.  
Das ist Hollywood. Das wissen wir. Aber wenn man sich die ersten paar Punkte anschaut, erkennt man, dass doch eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden ist. Im Dezember 2019 gab es die ersten Fälle in China. Damals hat Corona noch weit weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Erst als es immer mehr Infektionen wurden und sich auch in anderen Teilen der Welt Anzeichen einer Verbreitung zeigten, wurde man langsam unruhig. Naja. Ist ja trotzdem noch weit weg. So wenige Fälle in Deutschland und erst vier Tote. Die kriegen das schon in den Griff. Oh, verdammt. Die Stadt ist aber ganz schön nah an meiner dran. Hoffentlich liegt der nicht in unserem Krankenhaus? Puh. Glück gehabt. Das andere Krankenhaus zwanzig Kilometer weg. Und auch nur zwei. Warte, was? Zwei? Gerade eben wars noch nur – und die haben nicht mal was miteinander zu tun? Oh. Irgendwann, wenn die Zahlen weiter steigen, wird einem doch mulmig zumute. Man fängt an zu überlegen. Vielleicht sollte ich doch etwas Abstand halten? Der Mann hat gerade ziemlich stark gehustet. Muss ich wirklich zum Arzt, nur wegen eines Hörtests? Vielleicht verschiebe ich den lieber. Mein Kind sollte wohl auch besser nicht mehr auf diesen Kindergeburtstag gehen, einige der Kinder waren in Südtirol beim Skifahren.

Das war kurz nach den Faschingsferien. Dass diese Kinder aber nach den Ferien erst noch eine Woche in die Schule gegangen sind, bevor sie in kurzfristige Quarantäne zurückbeordert wurden, war vielleicht auch nicht gerade klug organisiert, mag der ein oder andere sagen. Natürlich nicht, das ist nicht zu bestreiten. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Schüler, die in Risikogebieten im Urlaub waren, hätten mit Sicherheit zu Hause bleiben sollen. Aber damals wusste man das noch nicht. Zuerst hieß es nur, die Lombardei ist Risikogebiet. Also keine Sorge. Plötzlich waren es dann auch Südtirol, weitere kleine Gebiete, bis man schließlich die Gefahr in ganz Italien erkannt hat. Und mal ganz ehrlich: Die Schuld jemandem zuzuschieben hilft jetzt keinem mehr, so leid es mir tut. Selbst wenn in der Politik einige Entscheidungen vielleicht viel zu spät gefällt wurden, auch für Politiker ist dies das erste Mal, dass sie diese Entscheidungen treffen müssen. Nur weil ihr kleinen Kiddos alle Plague Inc. schon zum sechzehnten Mal durchgespielt habt und deshalb wisst, was das Virus als Nächstes tut, heißt das nicht, dass alle so schlau sind.
Irgendwann fing es dann also an, dass gewisse Artikel im Supermarkt ausverkauft waren. Hauptsächlich Nudeln und Klopapier, wobei sich mir Letzteres immer noch nicht erschließt. Ist wirklich das Wichtigste, was ihr alle zu Hause haben wollt, Klopapier? Ich frage mich, was man mit so viel Klopapier denn anstellt. Ich meine, nur weil Corona umgeht, verbraucht man jetzt nicht auf eine Woche drei Packungen mehr als vorher. Und wovor soll das schützen? „Oh, wir haben zwar nichts mehr zu essen, zu trinken, keine Medikamente und auch sonst nichts mehr, aber wenigstens haben wir noch Klopapier!“ Ganz ehrlich, Leute, lasst den Mist. Denkt auch mal an andere. Es ist okay, wenn man vielleicht mal ein Nudelpäckchen mehr mitnimmt, damit man einmal weniger aus dem Haus muss. Aber eine Palette? Die anderen, die ganz normal einkaufen wollen, brauchen auch noch etwas.  Auf der anderen Seite ist es soziologisch betrachtet sicher interessant zu sehen, als was für egoistische Tiere sich Menschen entpuppen, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen.

Zurück zum Thema. Man sagt also immer mehr unwichtige Termine ab, die Regale werden immer leerer, die Menschen immer unruhiger. Die Schulen sind schon geschlossen, die Zahlen steigen weiter, ebenso wie die Anzahl an Memes, die entsteht, als ein Weg der jungen Generation, mit den aktuellen, vielleicht auch angsteinflößenden Ereignissen umzugehen. Die Rufe nach einem Impfstoff werden laut, doch diese Hoffnung wird sofort mit Zeitangaben im Rahmen des Sommers 2021 zerschlagen. Man sieht inzwischen ein, dass die Lage vielleicht doch ernster werden könnte, als man anfangs angenommen hat. Schließlich kommen die Ausgangsbeschränkungen hinzu, mit denen mittlerweile viele gerechnet haben. Einige Städte fangen an, Bundesländer folgen. Die Straßen sind so leer, wie man es normalerweise nur aus Filmen kennt. Immer weniger Leute gehen noch zur Arbeit, immer mehr arbeiten von zu Hause aus. Online Lessons werden eingerichtet. Leider auch die fast apokalyptischen Zustände gehören zu den Ähnlichkeiten im Verlauf, nämlich in den Krankenhäusern. Aber nicht nur in China, nein – auch ganz nah bei uns in Italien. Das Land, in dem vermutlich fast jeder Dritte schon im Urlaub war, am Strand ein Gelato geschleckt und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen hat. Dort sind die Zustände mit Krieg zu vergleichen. Krankenhäuser sind komplett überlastet, wenn jemand eingeliefert wird, wird übertrieben gesagt nur noch bewertet, ob er es wert ist, behandelt zu werden, ob man Überlebenschancen sieht. Alles wurde abgeriegelt, die Zahl der Infizierten steigt weiterhin. Jetzt fragt man sich natürlich zurecht: Wenn in Italien buchstäblich die Hütte brennt – wenn außenrum auf der ganzen Welt so langsam alles anfängt, von einer kleinen Glut zu einem ausgewachsenen Flächenbrand heranzuwachsen, warum hat man nicht schon früher reagiert? Und warum zum Teufel wurde in manchen deutschen Städten bis zum letzten Tag in großen Gruppen ausgelassen gefeiert?


Nun ja, die zweite Frage ist wesentlich leichter zu beantworten als die erste: weil Menschen dumm sind. Ganz einfach. Denn ein anderer Grund erschließt sich mir persönlich nicht. Menschen werden infiziert, leiden, sterben teilweise, das Virus breitet sich immer schneller aus und trotzdem geht es nicht in die Köpfe mancher Menschen rein, dass sie halt jetzt einmal ein paar Wochen lang weder mit den Kumpels am See saufen noch sämtliche Bars abklappern können. Um Leben zu retten. Vielleicht muss nicht einmal ihr eigenes gerettet werden, vor allem bei jungen Leuten sind schwache Krankheitsverläufe nicht selten, vielleicht auch nicht das eines Familienmitglieds oder Freundes – aber dieser Freund hat vielleicht eine Großmutter. Und noch nie konnte man dieser Großmutter so leicht das Leben retten wie jetzt.  Durch Zu-Hause-Bleiben. It’s as simple as that. Ist es nicht das, was sich mancher sehnlichst wünscht? Nicht in die Schule zu müssen, teilweise nicht in die Arbeit zu müssen, Home Office zu betreiben, keinen Stress zu haben, weil man doch eigentlich noch zum Friseur und zur Yoga-Stunde müsste, aber die Fenster immer noch nicht geputzt sind? Und wollte man nicht eh schon lange mal die Esszimmerwand neu streichen, die der kleine Timmy vollgemalt hat, als er drei war, wofür man jahrelang keine Zeit gefunden hat und nun ist der kleine Timmy bereits 20, Student, und macht Work and Travel in Australien? Auch Schüler dürften sich freuen. Endlich mal den Satz „Nein, du gehst jetzt nicht raus, du bleibst zu Hause in deinem Zimmer und spielst Computerspiele“ zu hören, gibt es etwas Schöneres? Die Quarantäne bringt also tatsächlich sehr viel Gutes mit sich. Man hat endlich mal Zeit für sich, weil man eh nichts erledigen kann außerhalb des Hauses, außer mal schnell einen Einkauf tätigen und der Oma die Milch vorbeifahren. Man kann sich Projekten widmen, die man schon lange vor sich herschiebt, mit der Ausrede „Das mach ich, wenn ich mal Zeit habe“. Jetzt haben Sie Zeit. Ob es nun nur das Anzocken des neuen Games ist oder das Lesen eines guten Buches, das man sich vor Ewigkeiten ausgeliehen hat, das Ausmisten des Dachbodens oder einfach mal das Abschalten, Entspannen, sich Zeit für sich nehmen, um wieder klar denken zu können – solange es im Haus geschieht, rettet es Leben und man trägt durchs Nichtstun dazu bei, dass sich das Virus nicht weiter unnötig ausbreitet.

Da die Quarantäne aber natürlich nur stattfindet, weil Schreckliches passiert in der Welt und vor allem Ärzte, Pflegekräfte, Apotheker sich täglich aufopfern für Betroffene, aber auch jeder Verkäufer an der Ladentheke sein Möglichstes tut, um uns weiterhin ein relativ normales Leben zu verschaffen, darf das nicht ungewürdigt bleiben. Beispielsweise wird in Köln zu einer bestimmten Zeit gemeinsam von der Haustür oder dem Balkon aus applaudiert für die großartige Arbeit, die geleistet wird.
Auch für Leute, die getrennt von ihren Liebsten in Quarantäne sind oder sie nicht sehen können, weil sie einer Risikogruppe angehören, ist es eine schwierige Zeit. Viele Leute sind allein zu Hause, viele Alleinerziehende haben ihre Kinder daheim, viele Lokale können die Mieten nicht mehr bezahlen. Das Virus treibt sowohl psychisch als auch finanziell in den Ruin.
Nun ist es an uns, zusammenzustehen. Zu beweisen, dass wir als Gesellschaft diesen Ausnahmezustand überstehen. Man nimmt mehr Rücksicht auf andere, fragt vielleicht nach, ob man dem netten alten Herrn aus der Wohnung unter sich den Einkauf mitnehmen kann, damit der seine Wohnung nicht verlassen muss. Kleine Dinge können nun Großes bewirken. Es kommt nur darauf an, dieses eine Mal zu glauben, wenn Leute sagen, dass dieses Virus nicht unterschätzt werden sollte. Dieses eine Mal mehr auf andere zu schauen, die gefährdet sind, selbst wenn man es vielleicht selbst nicht ist."

Laura Sawilla, Q12

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