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Der Geruch von Regen - ein Essay von Stefanie Schiffner (Q11)

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Die deutsche Sprache umfasst mehrere Millionen Wörter, Hunderttausende von Redewendungen und Zitaten, ja, allein für die Beschreibung unterschiedlicher Blautöne besitzen wir um die 250 Begriffe. Und bis zum heutigen Tag, wir schreiben das Jahr 2019, ist es noch keinem Sprachwissenschaftler, ja nicht einmal einem Philosophen gelungen, ein alltäglich gebräuchliches Wort, um genauer zu sein, ein Adjektiv zu finden, das den Geruch, der nach einem lang ersehnten Sommerregen in der Luft liegt, beschreibt. Doch halb so schlimm, unser Repertoire an unzähligen anderen Wörtern ist ja schließlich so groß, dass man diese Sinneswahrnehmung zu umschreiben versuchen kann.

Durchatmen können. Diese Worte bringen es für mich persönlich ziemlich genau auf den Punkt. Um es besser zu beschreiben und zu verstehen: Das Gefühl, wenn man eine verstopfte Nase hat, fast keine Luft mehr bekommt und dann schließlich Nasenspray benutzt. Dieses befreiende Gefühl, damit verbinde ich einen kühlen Sommerregen: Nach den wochenlangen hohen Temperaturen, endlich Abkühlung, Erfrischung, endlich wieder die klare Luft einatmen können. Während man die Straße entlangläuft, merkt man, wie der Geruch von Regen in der Luft hängt, diese eine besondere Sinneswahrnehmung, nach der man vergeblich nach Worten ringt. Ich habe das Gefühl, alles viel intensiver wahrnehmen zu können. Auf meinem Spaziergang durch das nasse Gras, in dem kleinen Park nebenan, steigt mir der Duft von roten Rosen in die Nase. Nach dem Regen riecht alles so schön blumig, man bekommt regelrecht das Gefühl, dass nicht nur wir Menschen, sondern vor allem die Natur sehnlichst auf diesen Regen gewartet hat.

Wenn ich schließlich barfuß in meinem roten Sommerkleid über den nassen Asphalt nach Hause laufe, meine ich spüren zu können, wie er noch dampft. So als hätte man in eine heiße Pfanne ein paar Tropfen Wasser gegeben. Dieser „Heiße-Asphalt-Geruch“, vermischt mit dem blumigen Duft, ergeben für mich den perfekten Geruch. Den Geruch von Sommer.

Doch halt, stopp. Jetzt hat sich alles die ganze Zeit um den Sommerregen gedreht. Dabei gibt es doch bei uns in Deutschland zu jeder Jahreszeit ein paar verregnete Tage, mal mehr, mal weniger. Jeder von ihnen verändert die Luft, den Geruch der Natur auf seine eigene Art und Weise. Um meinen Gedankengang genauer zu veranschaulichen, nehmen wir doch noch ein weiteres Beispiel: den Herbst.

Wenn die Farbe Grau einen Geruch hätte, es wäre Novemberregen. Die eiskalte und zugleich nasse Luft, verbunden mit heftigem Wind, erschweren es einem manchmal gar zu atmen. Sie ist so eisigkalt, fühlt sich irgendwie „grau“ an, vor allem nach einem Regenschauer. Man meint bereits den ersten Hauch von Winter in der Luft wahrnehmen zu können.

Seit der Einleitung dieses Textes hat mich eine Frage durchgehend begleitet. „Wieso gibt es jetzt also kein Adjektiv, das den Geruch von Regen beschreibt?“ Es gibt schließlich auch den Begriff „blumig“, obwohl jede Blume anders riecht. Natürlich habe ich erst einmal gegoogelt, ob´s nicht vielleicht doch ein Wort gibt. Wikipedia: „Der Begriff „Petrichor“ bezeichnet den Geruch von Regen auf trockener Erde.“ Auf diesen Eintrag sind zahlreiche weitere wissenschaftliche Artikel gefolgt. Naja, das war nicht wirklich das, wonach ich gesucht habe. Meine Vermutung also, als Antwort auf meine Frage: Neben den angestrengten Versuchen, den zahlreichen Regenwürmern und Nacktschnecken auf den Gehwegen auszuweichen oder dem Vermeiden von nassen Ästen oder Sträuchern, haben sich bisher vermutlich viel zu wenige wichtige Leute damit beschäftigt, welchen alltäglich gebräuchlichen Namen man diesem Geruch geben könnte. Dem Geruch von Regen.

Stefanie Schiffner (Q11)

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